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REVIEWS
Der ansprechend in grauen Karton mit Golddruck verpackte Silberling versammelt auf etwas über einer Stunde die Musik zum gleichnamigen Theaterstück, einer Adaption des 2006 erschienenen Romans von Andrea Maria Schenkel, in dem die Geschichte eines sechsfachen Mordes in der Einöde des bayerischen Hinterlandes erzählt wird. Für die akustische Untermalung dieses am Stadttheater Fürth 2008 uraufgeführten Stoffs fanden die Weird-Folker und Post-Industrialisten des fränkisch-oberpfälzischen UMB-Kollektivs Klänge zwischen dunklem Geräuschambient und frisch-folkiger Akustik-Instrumentierung, die allein für sich genommen Schwierigkeiten hätten, als einzelne Stücke zu bestehen, in ihrer Gesamtheit aber eine eigentümliche Stimmung von archaischer Entrücktheit und kauziger Weltferne verspüren lassen, die die entlegene „Tannöd“-Welt in die heimischen Lautsprecher holt. Schade nur, dass außer in den als Vor- und Nachspann dienenden Stücken die ansprechende Stimme von Geneviève Pasquier nicht mehr zum Einsatz kommt: Die Musik bleibt instrumental, entsprechend ihrer Funktion in der Bühneninszenierung als Szenenmusik. Textliche Ergänzungen, in Lied- oder Zitatform, hätten dem Album nicht geschadet, und die Abgründe des ländlichen Südens einfacher zugänglich gemacht – bzw. im Fall von Dialektvortrag noch stärker verfremdet.
Dafür ist die Scheibe satt produziert, sodass gerade die dunkel schwebenden Raumatmosphären hervorragend zur Geltung kommen; die Jagdhörner schallen und die Pauken dröhnen, dass es eine Freude ist, und die akustischen Instrumente (u.a. Harmonium und Geige) fügen sich bei bester Klarheit in den Gesamtsound ein. Obwohl einige der (namenlosen) Stücke skizzenhaft bleiben, offenbart sich bei intensivem Hören bei hoher Lautstärke die Liebe zum Detail, die sich in den geräuschlastigeren Tracks verbirgt.
So bleibt neben angenehm verschrobener Musik mit Referenzfunktion der nagende Verdacht, dass mit dieser Steilvorlage bei eigenständiger Bearbeitung ein epochales Ambientfolk-Album statt bloßer Begleitmusik möglich gewesen wäre. Das musikalische Erzählspektrum von JÄGERBLUT braucht sich nämlich keineswegs hinter dem literarischen Leitbild zu verstecken.
Alexander Nym
source: Black #50
Jedes erfolgreiche Buch zieht eine Reihe von Zweitverwertungen nach sich, so auch der Überraschungs-Bestseller "Tannöd" aus dem Jahr 2006. ANDREA MARIA SCHENKEL erhielt für ihr Debüt zahlreiche Preise, bis heute wurden mehr als eine Million Exemplare verkauft. Der Kriminalroman greift eine wahre Geschichte aus dem Jahr 1922 auf, die bis heute als "Deutschlands rätselhaftester Mordfall" (DIE WELT) gilt. Auf dem oberbayrischen Einödhof Hinterkaifeck bei Schrobenhausen wurden in der Nacht zum 1. April 1922 sechs Menschen mit einer Hacke hingerichtet, darunter ein siebenjähriges Mädchen und ein zweieinhalbjähriger Junge. Die Morde wurden nie aufgeklärt, obwohl die bayerische Polizei bis 1986 (!) ermittelte. Allerdings kamen hinter der Fassade eines unscheinbaren, tief katholischen Dörfchens in Bayern andere Dinge wie Inzest, Rechtsextremismus, Okkultismus und angebliche Hellseherei ans Licht. Der Journalist PETER LEUSCHNER hat die Polizeiarchive durchkämmt und die Ermittlungen in seinem Buch "Hinterkaifeck" (1997) zusammengetragen. Die gebürtige Regensburgerin SCHENKEL übertrug den Fall mit vielen Details einfach in die 1950er-Jahre und stellte die Morde anhand von 39 fiktiven Zeugenaussagen nach. LEUSCHNER klagte wegen Plagiats, verlor den Prozess aber vor einigen Monaten.
Der Norddeutsche Rundfunk hat aus dem "Tannöd"-Stoff bereits ein Hörspiel produziert. Momentan laufen die Dreharbeiten zu einem Film mit JULIA JENTSCH unter der Regie von BETTINA OBERLI (u.a. "Die Herbstzeitlosen"). Auch auf einigen Bühnen wird "Tannöd" gegeben, und hier kommen JÄGERBLUT ins Spiel. Die vier Bayern erhielten den Auftrag, die Musik für die einzige von Autorin SCHENKEL legitimierte Theaterfassung zu komponieren. Am Oberpfalztheater in Leuchtenberg wurde sie im vergangenen Oktober aufgeführt, stilecht in Mundart und auf einem alten Bauernhof.
"Wir möchten für uns die Volksmusik neu erfinden", diesen Anspruch haben die vier Musiker, die nach wie vor nur ihre Pseudonyme ANTON KNILPERT, GIUSEPPE TONAL, GENEVIÈVE PASQUIER und TIKKI NAGUAL verraten. Manchmal gelingt dies mit der JÄGERBLUT-Mischung aus urigstem Alpinfolk und elektronischen Spielereien, wie schon auf dem hier von NONPOP besprochenen Vorgänger, dem Debütalbum "1896-1906". Manchmal wirken die reinen Dark Ambient-Flächen aber auch ein wenig verloren, was vermutlich an der Konzeption des Albums als Bühnensoundtrack für ein Theaterstück liegt.
Sensationell gut ist der tragische Opener, urig-folkig mit Akkordeon, Blechbläsern und – sporadisch – zünftigem Bayerisch. Allen STURMPERCHTlern sei dieses Lied ans Herz gelegt, das außerdem mit Männer- und Frauenstimme im Duett exquisit intoniert ist. Nach einer solchen Eröffnung weilt der Geist in einem düsteren, bayerischen Dorf unter hohen Tannen, wo er von den nächsten, folkigen Tracks noch ein Weilchen festgehalten wird: Akkordeon und Gitarre versüßen marschierende Trommeln und mächtige Synthiewolken, später zupft sich eine Zither über Dark Ambient-Hintergünde und Alphorn-Drones, bevor im vierten Stück die Elektronik allen Platz einnimmt. Zur Mitte hin ballen sich dann Soundexperimente wie Transistorbrummen, Grummeln oder das Klappern von Schritten.
In der zweiten Hälfte tauchen dafür wieder vermehrt kurze, akustische Zwischenspiele auf, auch Bläserchöre mit wagnerianischer Dramatik sind dabei. Das vorletzte Stück, ein rührend wackeliger Trauermarsch aus Akkordeon, Piano und Trommel leitet den Abschied ein. Zum Schluss, nach dem letzten Vorhang sozusagen, steht eine ebenfalls überzeugende, aber zurückhaltendere Variante des "Tannöd"-Starttracks, welche die Ereignisse abschließend zu kommentieren scheint.
Die Musik von JÄGERBLUT passt meistens sehr gut zur Materie. Vor allem eingangs verkörpert eine Mischung aus Folk und Elektronik glaubhaft den Gegensatz zwischen unschuldigem Dorf und Grauen hinter den Kulissen, zwischen naiver, neofolkiger Naturverbundenheit und Sechsfachmord. Insofern bergen auch einige der geräuschigen Dark Ambient-Stücke viel "Tannöd"-Atmosphäre. Auszumachen sind zum Beispiel ein paar besonders gruselige Strecken, die perfekt den einen oder anderen Mordgedanken untermalen. Manche Synthie-Basteleien stehen ohne Theaterstück aber doch etwas einsam in der Landschaft, zumal bis auf den ersten und letzten Song nicht mit Stimme gearbeitet wird. Die Lektüre alter Zeitungsartikel zum Originalfall oder des Buches zum Stück helfen der Fantasie an solchen Stellen. Für das wurzelige Einödhof-Flair, die erwähnte Handvoll toller Stücke und die hörbare Leidenschaft der bayerischen Musiker für den Stoff aus ihrer Heimat zeigt der abschließende Daumen auf jeden Fall nach oben.
Wegen der großen Nachfrage wird die "Tannöd"-Version des Oberpfalztheaters übrigens im kommenden Jahr erneut aufgeführt, und zwar im Kulturschloss Theuern (Kümmersbruck) am Freitag, den 27. und Samstag, den 28. Februar 2009.
Michael We.
source: Nonpop
Die oberpfälzer Formation JÄGERBLUT konnte bereits mit ihrem Debut "1896-1906" einiges an Land gewinnen und mit ihrer
neuen Art der Volksmusik etablieren. Das ganze hat jedoch herzlich wenig mit schunkelnden Fettärschen aus dem Musikantenstadel
zu tun, sondern viel mehr mit dem, was man heute in Denglisch ´Bayrische Traditionals´ nennen würde. Gleichzeitig ist die Komposition
keinesfalls an vorgefertigte Schemata und die Reproduktion tradierter Texte oder Melodien gebunden. Elemente von der soundorientierten
Herangehensweise und einen ungewöhnlichen Liedaufbau, sowie der Einsatz von Samplern, Synthesizern etc. ließen schnell
erahnen, was das Booklet schließlich preisgab: hinter JÄGERBLUT verstecken sich die Musiker Genevieve Pasquier, Anton Knilpert
(Thorofon, The Musick Wreckers, Kommando), Giuseppe Tonal (Tonal Y Nagual, The Musick Wreckers) und Tikki Nagual (Tonal Y Nagual).
Stammtischmuff und CSU-Wimpel, goodbye.
2008 meldeten sich JÄGERBLUT nun mit "Tannöd" zurück, einem Soundtrack zu der einzigen authorisierten Bühnenfassung des erfolgreichen, gleichnamigen
Buches von Andrea Maria Schenkel. Ihr Kriminalroman "Tannöd" basiert auf einem Mordfall im oberbayrischen Hinterkaifeck aus dem Jahr 1922,
die Handlung des Buches wurde von der Autorin jedoch in die 1950er verlegt. Die Tragödie um den Mord an sechs Menschen
auf einem Hinterhof wird hier psychologisch aufgearbeitet, man bekommt einen einblick in die wertkonservative, bayrisch-traditionell
geprägten Sozialstrukturen der damaligen Zeit.
"Houst das g´heart? Houst das g´seng? drüm in Tannöd, dau is wos g´scheng." Was mit dem verhallten Getratsche hinter
vorgehaltener Hand seinen atmosphärischen Anfang nimmt, übergibt sich zusammen mit in Schieflage befindlichen Fiedeln in einen sehr schönen
´Titelsong´, der mit weiblichem (Pasquier) und männlichen Gesang (Nagual) auf das zu Geschehende einstimmt. Danach beginnt der eigentliche Soundtrack.
Trotz immerwieder vordergründig mit Akkordeon und Gitarre vermittelter Idylle brodelt es im Hintergrund, Brutalität zeichnet sich
in Rhytmussequenzen ab. Die Musik wird zu einem weiteren Teil des Bühnenbildes und man kann sich das Setting auch ohne
gesprochenen Text lebhaft vorstellen. Zwischen fiesen, angsteinflößenden Post-Industrial Nummern und atmosphärischen
Gitarren-Intermezzos ist alles dabei. Die Sound-Vielfalt ist extrem hoch und so bleibt "Tannöd" auch ganz ohne
Theaterstück spannend und vermittelt unterschiedlichste Stimmungsmuster und Eindrücke. Egal ob emotional oder räumlich.
Ohne eigene Namen gehen die Stücke im Geflecht des Soundtracks auf, der ähnlich endet wie er angefangen hat. Diesesmal
jedoch fast ohne lieblichen Frauengesang, dafür von einem brutal klingenden Herren (auch Tikki Nagual) gesungen. Hat auch dieses
Lied aufgehört, fühlt man sich wie beim Abspann eines guten Films. Man will ihn noch einmal ansehen.
Eine zu recht überall gelobte Veröffentlichung, die es in sich hat.
Andy
source: Gnark.com
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